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22.09.2017, Grohn, Interview mit Prof. Mansfeld: Architektur muss flexibel sein

Im Dreiklang von Innenraumgestaltung, Architektur und Stadtentwicklung ist die Bremer Architektin und Diplom-Ingenieurin Ulrike Mansfeld vielfältig aktiv. Seit 2005 lehrt die Professorin an der Hochschule Bremen „Entwerfen, Darstellung und Gestaltung“. Aus ihrer Sicht sollte Architektur den Menschen Raum für Geborgenheit, Aktivität und Begegnung geben, und bestenfalls individuellen Bedürfnissen gerecht werden, Identifikation und Interpretation zulassen. Das erfordere stets, in größeren Dimensionen zu denken als es die Aufgaben nahelegen und auch das Unerwartete mit einzubeziehen.

¬  GROHN Was muss Architektur leisten?
:  Prof. Mansfeld
Architektur erfüllt keinen Selbstzweck, sie muss dem Menschen dienen: ob im Innenraum oder auf öffentlichen Plätzen. Architektinnen und Architekten sind dafür verantwortlich, die bestmögliche Lösung für Ort, Funktion und Nutzer zu entwickeln. Es gilt, verschiedene Standpunkte einzunehmen und Situationen vorauszudenken. Darin liegt ihre besondere Kompetenz. Die Herausforderung ist es, einen Raum zu erzeugen, der Architektur als Wert erfahren lässt - als lebenswert. Architektur kann Orientierung geben. Im Sinne einer funktionalen Aufteilung haben wir in der Bremer City z.B. den Unternehmensservice so gestaltet, dass der öffentlich zugängliche Raum sich von den Beratungsbereichen durch verschiedene Bodenbeläge und Materialien abgrenzt. So wirken die Büros wie kleine Inseln oder Ruhepole um die der öffentliche Raum großzügig fließen kann.

¬  GROHN Wie erreichen Sie die Nutzer mit der Gestaltung?
:  Prof. Mansfeld
Es sollte uns darum gehen, Identifikation mit den Räumen zu ermöglichen. In einem Stadthaus in Bremen sollten riesige Flächen auf den Fluren gestaltet werden, um die Räume atmosphärisch zu beleben. Gemeinsam mit einer Künstlerin beschäftigte ich mich intensiv mit Bremens maritimer Tradition: mit der Schifffahrt, den Werften und dem Wasser. Großformative Foto-Ausschnitte mit Spuren im Sand und großen Schiffen, zu neuen Ensembles geclustert, zieren nun die Innenwände des Verwaltungsgebäudes und erzeugen so eine Identität, die dem Ort und den Aufgaben im Gebäude gerecht werden. In der Architektur geht es auch stets um die sinnfällige Erschließung von Räumen. Dinge, die der Nutzer auf den ersten Blick nicht sieht, gilt es, herauszuarbeiten und wirkungsvoll zu inszenieren. Die Wandbilder leisten dies, sie schaffen inhaltliche Bezüge und sie geleiten die Besucher geradezu „beiläufig“ durch das Gebäude.

¬  GROHN Welche Rolle spielt die digitale Visualisierung in der Architektur?
:  Prof. Mansfeld
Die Möglichkeiten, Gestaltungsideen auszuprobieren, werden durch die Digitalisierung größer. Das ist sehr erfreulich! Beim digitalen Experimentieren können wir ja das Ergebnis quasi vorweg nehmen, anschauen und weiterentwickeln. Es entstehen Wirklichkeiten, die so real wirken, dass die Trennung zwischen fiktiver und realer Welt zunehmend schwindet. Das erleichtert uns das Gestalten. Durch die digitale Bildbearbeitung und elektronische Druckmethoden konnten wir die Wandbilder im zuvor genannten Beispiel des Stadthauses in Vegesack überhaupt nur realisieren. Auch Fliesen können heutzutage mit mannigfaltigen Oberflächen und Motiven versehen werden. Das sorgt für Vielfalt in der Gestaltung und Auswahl für den Käufer.

¬  GROHN Wie beeinflussen Fliesen die Gestaltung des Raumes?
:  Prof. Mansfeld
Fliesen sind ein interessanter Werkstoff, ein Kulturgut mit einer jahrhundertealten Tradition. Fliesen können Leben in den Raum bringen und zeichnen sich durch ihre Langlebigkeit aus. Als Gestalter können wir mit dem Fugenbild von Fliesen spannende Effekte erzielen. Fliesen eignen sich auch, Licht oder Strukturen wirkungsvoll zu spiegeln und dadurch hervorzuheben. Aus meiner Sicht ist es hilfreich, wenn Hersteller und Gestalter eng zusammenarbeiten. Im persönlichen Dialog erfahre ich immer viele spannende Details aus denen wir dann neue Ideen entwickeln. Das ist für beide Seiten interessant.

¬  GROHN Was ist Ihr persönlicher Anspruch beim Entwerfen?
:  Prof. Mansfeld
Tief in die Materie einzutauchen. Wirklich rundum stimmige Lösungen zu entwickeln halte ich für sehr wichtig. Im Vorfeld führe ich deshalb Interviews mit den Nutzern des Raumes. Ihre Geschichten sowie der spezielle Kontext der Räume inspirieren mich bei der Gestaltung. Meine Aufgaben erschließe ich mir immer in einem intensiven, kreativen Prozess. Das läuft nach folgendem Muster ab: sehen, erkennen, benennen und bezeichnen der am Ort zu erwartenden Handlungen. Dies geschieht in vielfältigen Arten, in plakativen Überschriften, in Bildern und Skizzen, aus denen die Lösungsansätze entwickelt werden. Durch das "Verschriftlichen" lässt sich auch beim Entwerfen ein Thema tiefer durchdringen, es wird begreifbar. Jedes Projekt entsteht in einem stetigen Dialog mit den Auftraggebern und in weiser Vorausschau vielfältiger Nutzungen. Wir nehmen also laufend die Rolle anderer ein und legen die Projekte damit den anderen nahe, wir machen sie damit verständlicher. Die beste Idee ist nichts wert, wenn es uns nicht gelingt, sie zu vermitteln.

¬  GROHN Was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit?
:  Prof. Mansfeld
Ich lasse mich gern von Dingen inspirieren, die ich sehe. Dazu gehört für mich, viel zu reisen, immer neugierig zu sein und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Das vermittle ich auch den Studierenden an der Hochschule. Wenn ich unterwegs bin, fotografiere ich oft scheinbar unwichtige Details, auf die ich in einem anderen Kontext wieder zurückgreifen kann. Außerdem arbeite ich sehr nah an der Kunst. Fotografie, Malerei und Skulptur spielen für meine Inspiration eine wesentliche Rolle, das mag von meiner Ausbildung an der Kunstakademie herrühren.

¬  GROHN Ein Blick nach vorn: Welche Trends gibt es in der Architektur?
:  Prof. Mansfeld
Die rasanten Entwicklungen unserer Zeit fordern auch die Architektur heraus. Das bringt ganz neue, spezifische Anforderungen mit sich. Zukünftig werden mehr „wandlungsfähige“ Räume gefragt sein, die sich wechselnden Lebenssituationen von Menschen flexibel anpassen. Daher wird von Planern ein Denken in größeren Dimensionen gefordert. Wir müssen unsere Standards, das Gewohnte neu überdenken. Wohnraum ist Identität – das wird heute zunehmend wichtiger. Architektur, als Trägerin von Informationen, muss das berücksichtigen. Der partizipative Aspekt gewinnt an Bedeutung, Nutzer müssen verstärkt eingebunden werden. Sie sollen sich im wahrsten Sinne des Wortes angesprochen fühlen, über das sinnliche Erleben von Material, Licht und Oberfläche, Bodengestaltung, Wegeführung oder Raumfolge. Mehr denn je werden auch ökologische Kriterien sowie neue und recycelbare Materialien eine wesentliche Rolle spielen. Kurz: Architektur wird sich im Spannungsfeld von Authentizität, Beteiligung, Flexibilität und Ökologie bewegen. Mit einer Recyclingquote von über 95 Prozent leisten gerade Fliesen zu Letztgenanntem einen wichtigen Beitrag. Sie beeinflussen die Zukunft unserer Ökobilanz positiv.

 

Prof. Ulrike Mansfeld
Architektin BDA und Professorin an der Hochschule Bremen
Ulrike Mansfeld, 1971 in Pforzheim geboren, studierte Architektur und Design an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, besuchte zwei Semester die Bartlett School of Architecture des University College London und wurde als beste Gaststudentin ausgezeichnet. 1997 gründete sie das Architekturbüro Mikropolis in Stuttgart und verlegte es 2006 nach Bremen. Seit 2005 lehrt sie als Professorin in der Disziplin „Entwerfen, Darstellung und Gestaltung“ an der School of Architecture der Hochschule Bremen. Derzeit ist sie Dekanin der Fakultät „Architektur, Bau und Umwelt“.

 

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