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12.09.2016, Grohn, Interview mit Prof. Rahe: Fliesen inszenieren Räume

In über 25 Jahren hat der Bremer Designer Professor Detlef Rahe schon fast alles gestaltet - von der Fliese über Tischporzellan bis hin Atemschutzmasken für Feuerwehrleute oder Groß-Recyclinganlagen für Metallverarbeiter. Elementar ist für ihn die Fantasie – die Kraft, sich Neues vorzustellen und weiterzuentwickeln. Experimentieren, ausprobieren, neugierig sein - ist ihm wichtig, weil Fantasie sich aus dem Erlebten speist. Das Erfinden, Gestalten und Kreieren in ergebnisoffenen Prozessen bekommt so gerade im digitalen Zeitalter eine neue Qualität. Ein gerüttelt Maß an Realismus, an analytischem und ökonomischen Sachverstand darf natürlich nicht fehlen. Design habe die Aufgabe, Idee und Realität in Einklang zu bringen.

¬  GROHN Was muss Design leisten?
:  Prof. Rahe
Design soll unser Leben bereichern und humaner machen, Design ist aber auch emotionaler Mehrwert. Gute Produktgestaltung macht Kompliziertes einfacher und besser, Design ist so auch ein Problemlöser. Aber Design nur auf Vereinfachung zu reduzieren, mag ich gar nicht. Mitunter ist Schwieriges spannender, fordert mehr heraus, hält uns agiler und aktiver. Der Kontext ist entscheidend, nicht die Ideologie des Entwerfers. Unbehagen beschleicht mich, dass heutzutage vieles vorschnell ideologisch verortet wird. Nicht nur an Hochschulen gelten erfolgreiche Unternehmen und Gestalter oft wenig, es gibt eine aus meiner Sicht naive Haltung zur Romantik des 'Antikommerziellen'. Derartige Grundsatzideologien widerstreben mir, weil es Design schnell eintönig und langweilig werden lässt. Vielfalt ist dagegen wichtig, denn Anforderungen, Bedürfnisse und ästhetische Empfindungen der Nutzer von Gestaltung sind verschieden. So facettenreich wie das Leben muss auch das Design sein. Das ergibt ein Spielfeld mit unendlichen Möglichkeiten für die Gestaltung. Freiheit, nicht Beliebigkeit, ist das Ziel.

¬  GROHN Welche Bedeutung haben Fliesen bei der Gestaltung des Innenraums?
:  Prof. Rahe
Die Gestaltung von Wand und Böden trägt natürlich entscheidend zur Raumatmosphäre bei. So können auch Fliesen zum wesentlichen Gestaltungselement im Raum werden. Die Bedeutung von Fliesen jedoch bestimmt jeder Nutzer selbst. Er entscheidend, welche Fliese zu ihm und seinem Lebensstil passt. Eine Entscheidung mit Tragweite, denn Wand- oder Bodenbeläge begleiten einen Menschen meist länger als Anstriche oder andere günstigere Oberflächen. Manchmal lebt man ein Leben lang in und mit den gleichen Wänden und Fliesen. Und Fliesen können mehr, als nur vor Schmutz und Feuchtigkeit zu schützen. Als wir vor einiger Zeit ein 150-jähriges Haus in Spanien erwarben, gab es dort lauter unentdeckte Schönheiten, die nur darauf warteten, wachgeküsst zu werden: herrliche spanische Fliesenspiegel mit »Rundum-Dekor« am Boden - das waren einst die »Teppiche der armen Leute«. Diese heute so wertvollen Fliesen haben wir sorgsam freigelegt und wieder integriert. Ein Kleinod im Innenraum und am Ende die teuersten Fliesen, die wir je eingesetzt haben ...

¬  GROHN Was sind Ihre Anforderungen an Fliesen?
:  Prof. Rahe
Im Hinblick auf ihre Farbigkeit, Formate, Haltbarkeit und Legetechnik werden an Wand- und Bodenfliesen, je nach Einsatz und Zielgruppe, vielfältigste Anforderungen gestellt. Wo es feucht und rutschig werden kann, wie in Bädern oder Gastronomie-Küchen, spielt ihre Oberflächenstruktur eine wichtige Rolle. Maßgeblich wird ein Raum auch durch das Fugenbild bestimmt: je nach Anordnung, Muster und Abstand einzelner Fliesen ergibt sich ein anderes System und entsprechend eine andere Raumatmosphäre. Das Fliesendesign wird maßgeblich auch durch die Existenz und Breite von Fugen bestimmt. Ich persönlich würde ja immer Fliesen bevorzugen, bei denen der Randbereich so beschaffen ist, dass sie auch fast ohne Fugenmasse verlegt werden können, so wie in Südeuropa. Italien und Spanien blicken ja auf eine lange und stolze Stein- und Fliesentradition zurück. Hier in Deutschland habe ich allerdings häufig erlebt, dass der Fliesenleger breite Fugen für unerlässlich hält.

¬  GROHN Welche aktuellen Designtrends gibt es?
:  Prof. Rahe
Gesellschaftliche Entwicklungen zeigen sich immer auch an den Artefakten, mit denen wir uns umgeben, neue Design-Richtungen sind immer auch »Kinder ihrer Zeit«. Angetrieben von den digitalen Medien leben wir heute im Zeitalter einer nie dagewesenen Gleichzeitigkeit und einer starken Ich-Bezogenheit. Jeder ist Sender und Selbstdarsteller obendrein - und inszeniert sich in der digitalen und häuslichen Welt. Ein Megatrend, den ich sehr bedenklich finde. Design in meinem Sinne jedoch schafft dagegen die »Zuwendung zum Du«. Der Designer nimmt sich selbst zurück. Ihm geht es um Empathie zu anderen Menschen, um die Bedürfnisse und Lebensformen der Nutzer und Gebraucher. Denn heute wie morgen ist bei der Gestaltung – nicht nur bei Innenräumen – wichtig: zwischenmenschliche Beziehungen und Wohlgefühl zulassen und Raum für Lebensqualität, Luft und Liebe geben.

¬  GROHN Wie beurteilen Sie die neue Fliesenkollektion Unikat aus Designer-Sicht?
:  Prof. Rahe
Die Idee ist super! Wir finden ja durch neue digital gesteuerte Produktionstechniken quasi zurück von der preiswerten Massenprodukt zum bezahlbaren Unikat. Das ist Demokratisierung im besten Sinne: Besonderes Design und individuelle Gestaltung nicht als Luxus für Wenige, sondern für den Alltag. Ein Symptom vieler neuer Technologien ist, dass sie sich oft anfangs der Sprache der Vorgänger bedienen, das war schon bei den ersten Autos so, die noch wie Kutschen aussahen. Daher stellt sich mir die reizvolle Frage: wie können Kleinserien oder Unikate beschaffen und gestaltet sein, ohne Materialfremdes zu imitieren. Für viele ist gerade das der Reiz. Ich plädiere hier für mehr Anstrengung und die Suche nach dem 'materialgerechten Besonderen'. Die Fliese Unikat ist dafür ein hervorragendes Beispiel mit viel Potenzial. Ich bin ganz sicher, dass die Technologie des 'seriellen Unikats' in allen Branchen erst am Anfang steht und noch viele bislang unentdeckte Erscheinungsformen bekommen wird. Das ist eine spannende Gestaltungsaufgabe für die Zukunft!

 

Prof. Detlef Rahe
Unternehmer und Designer
Bremen/Göteborg
Detlef Rahe, 1964 in Hamburg geboren, ist Diplom-Designer, Master of Fine Arts und Professor an der Hochschule für Künste Bremen. Von 1989 bis 1990 arbeitete er in der Forschung am Institut für Industrial Planning, Department für Architektur der Technischen Hochschule für Chalmers in Göteborg. Parallel gründete er gemeinsam mit seiner Frau Ulrike Rahe die Agentur »rahe+rahe design«. 1998 wurde er, nach einigen Jahren als Professor und Dekan an der Hochschule Anhalt in Dessau am ehemaligen Bauhaus als Professor für 3D-Design an die Hochschule für Künste Bremen gerufen. Hier leitet er seitdem auch das i/i/d Institut für Integriertes Design.

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